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Review: Wilco’s Harrier Jump Jet

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Wilco hat eine völlig neue Auflage des Harriers für den FSX herausgebracht. Das Add-on des einzigartigen Senkrechtstarters sorgt für reichlich VTOL-Flugspaß.

Geht nicht, gibt’s nicht – So könnte das Motto der Schöpfer des Hawker Siddley „Harriers“ vor fast 50 Jahren gelautet haben. Das komplexeste düsengetriebene Flugzeug seiner Zeit wurde von Hawker Siddeley unter Leitung von Sidney Camm um 1966 im Auftrag der britischen Regierung entwickelt. Die ersten Prototypen hoben 1966 ab, die Serienversion folgte ein Jahr später.

Als Senkrechtstarter bezeichnet man grundsätzlich Starrflügler, die ohne oder nur mit sehr kurzen Startstrecken auskommen. Im Fachjargon ist die Bezeichnung VTOL (Vertical Take-off and Landing) gebräuchlich. Warum eigentlich senkrecht, wenn’s doch einfacher geht? Die Motivation lieferte wie bei vielen anderen Innovationen der Luftfahrt der (kalte) Krieg. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde klar, dass künftige militärische Konflikte über die Beherrschung des gegnerischen wie eigenen Luftraums entschieden würden. Der Gegner kann dabei nicht nur in der Luft, sondern auch bereits am Boden bekämpft werden, etwa durch das Zerstören seiner Flugplätze. Dazu gehören insbesondere die Start- und Landebahnen. Hierfür wurden sogar spezielle Bomben wie die „Durandal“ entwickelt, die tief unter den Belag eindringen und erst dann detonieren. Dadurch sind die Schäden wesentlich schwieriger und aufwändiger zu beheben. Militärjets mit ihren kilometerlangen Startbahnen werden so kampfunfähig gemacht. Ein Kampfjet als Senkrechtstarter oder mit VTOL-Eigenschaften hat hier natürlich entscheidende Vorteile.

Die Idee dazu hatten nicht nur die englischen Flugzeugentwickler. Pionierarbeit wurde auch in Deutschland und den USA geleistet. Der erste sichere Senkrechtstart eines Fluggeräts wird bereits 1922 dem Oehmichen No. 2 von Étienne Oehmichen zugeschrieben. Allerdings war dies ein Quadrocopter. Die erste düsengetriebene VTOL-Maschine mit annähernder Serienreife war die deutsche EWR VJ 101 des Gemeinschaftsunternehmens der Ernst Heinkel Flugzeugbau GmbH, der Messerschmitt AG und der Bölkow GmbH. Dieser Typ benutzte schwenkbare Gondeltriebwerke mit Nachbrenner und hatte 1965 den ersten Flug mit „Transition“, den heiklen Übergang vom Schwebe- zum Geradeausflug. Nebst Problemen mit der Fluglagestabilisierung war der enorme Treibstoffverbrauch ein Thema: Die VJ 101 benötigte nebst den zwei Gondeltriebwerken noch vier weitere für die VTOL-Fähigkeit. Entsprechend horrend war der Treibstoffverbrauch. Die Nachbrennertriebwerke zerstörten jeden normalen Asphalt, so dass nur auf besonders präparierten Flächen Senkrechtstarts und -landungen möglich wurden. Schließlich wurde das Projekt 1968 eingestellt. Nebst Deutschland versuchten sich auch amerikanische Flugzeugbauer an Senkrechtstartern, die ebenfalls nicht über den Prototypenstatus hinauskamen.

Schließlich brachte das Design des Engländers Ralph Hooper den Durchbruch. Er entwarf das Flugzeug um das erste Triebwerk mit Vektorsteuerung von Gordon Lewis. Das Konzept wurde mit dem Rolls-Royce Pegasus 103 weiterentwickelt. Seine stufenlos schwenkbaren Schubdüsen (Nozzles) erzeugen die nötige Auftriebsenergie sowohl für den Schwebe- als auch den Vorwärtsflug. Die Landeklappen werden bei Bedarf auch automatisch gesteuert, was den Piloten entlastet. Im Langsam- und Schwebeflug steuert man den Harrier mit kleinen Schubdüsen. Allerdings ist der Senkrechtstart vor einer Mission meist nicht möglich, denn das VTOL-Maximalgewicht ist auf 20 000 Pfund beschränkt. Daher wird der Harrier zum SVTOL-Flieger, der mit einer sehr kurzen Anlaufstrecke auskommt. Auf Schiffen wird hierfür eine kleine Rampe benutzt, etwa wie auf Flugzeugträgern der „Invincible“-Klasse. Eine Katapulthilfe benötigt der Harrier nicht, daher kann er wesentlich mehr Zuladung aufnehmen.

Dass der Harrier ein Meisterwerk der Ingenieurskunst ist, zeigt sich darin, dass es bis heute keine Konkurrenz gibt oder gab. Als Erste könnte die VTOL-Variante des amerikanischen F-35 Joint-Strikefighters in Frage kommen, der jedoch noch nicht ausgereift ist. Der Harrier kann verschiedene Missionen fliegen, darunter nebst Bekämpfung von Luft- und Bodenzielen auch Aufklärung. Er hat sich bis heute in zahlreichen Konflikten bewährt. Am 15. Dezember 2010 endete die Ära der ersten Harrier-Generation in Großbritannien. Anfang der 1970er Jahre entwickelte McDonnel Douglas die zweite und wesentlich modernisierte Generation des Harriers für das US Marine Corps. Die als AV-8B II bezeichnete Variante durchlief mehrere Kampfwertsteigerungen und fliegt voraussichtlich noch bis 2020 in verschiedenen Luftwaffen.

Wilco Harrier für den FSX
Bisher war der Harrier für den Flugsimulator nur als Freeware oder Teil von Add-ons wie Flight Deck verfügbar. Der Harrier Jump Jet von Wilco ist jedoch nicht nur das erste reine Harrier-Add-on, sondern auch das einzige, das die VTOL-Eigenschaften so realitätsnah simuliert. Das allein schließt eine Version für den FS2004 aus. Wilco bietet den Harrier in seinem Onlineshop als CD/DVD für 23,10 Euro bzw. 24,75 Euro inklusive MwSt. an. Bei Aerosoft muss man für die Box-Version jedoch 29,99 Euro hinblättern. Die Downloaddatei liefert sieben Texturen in den FSX-Hangar: vier der Royal Air Force (GR3) sowie drei FRS1 Sea Harrier der Royal Navy, darunter auch jene, die am Falklandkrieg von 1982 beteiligt waren. Ein Paint Kit ist als Download verfügbar. Das mitgelieferte PDF-Manual der Box-Version ist mit seinen 19 Seiten nicht gerade üppig für so ein komplexes Add-on. Mit dem erzwungenen Ausdruck auf A4 quer und einer Siebenpunktschrift ist ein Sehtest inbegriffen. Zwar werden die wichtigsten Manipulationen erklärt, aber Details wie die Bedienung des Radars oder wie man die Bordkanone zuschaltet nicht. Auch Checklisten sucht man vergebens. Ich habe diese sowie das echte Handbuch des AV8-B Harriers aufgestöbert und stelle diese im Downloadbereich zur Verfügung.

Die Texturen sind hochauflösend und sehr detailliert. Unterschiede zum echten Vorbild konnte ich keine ausmachen. Altersbedingte Farbnuancen sind zu vernachlässigen. Abgerundet wird das Ganze durch Schutzabdeckungen, Wimpel sowie die Leiter und einen Stromgenerator (GPU), der vom Cockpit zugeschaltet wird. Alle real beweglichen Teile sind animiert, vom Triebwerk-Fan über die Steuerflächen und natürlich auch die „Nozzles“, mit denen der Harrier erst zum VTOL-Flieger wird. Ein effektvoller Augenschmaus sind der rauchende Abgasstrahl und die Staubverwirbelungen beim Senkrechtstart. Für Sounds wie auch die Beleuchtung gilt dasselbe.

Die Cockpits wurden mit wenigen Einschränkungen der jeweiligen Originalversion nachempfunden. Vielleicht wurde zugunsten einer höheren Framerate auf fotorealistische Bitmaps weitgehend verzichtet. Völlig neu sind dafür Reflexionen des Kabinendachs. Die Sichtverhältnisse durch das Plexiglas ändern sich je nach Lichteinfall rapide. Einige Kompromisse wurden auch bei der Ausrüstung gemacht. Einige Originalunterlagen waren aufgrund noch gültiger Geheimhaltung nicht verfügbar. Einige Varianten des Wilco-Harriers benutzen dasselbe Radar mit Kartendarstellung, was beim echten Modell nicht der Fall war. Die Karte (analoge Version der Moving Map) ist ein Standbild der Goose Green Area auf den Falklandinseln und hat rein nostalgischen Sinn. Sowohl das Radar als auch andere Instrumente sind aus einer flugtauglichen Sitzposition von oben schwer oder gar nicht lesbar. Zum Glück ist die Schubdüsenanzeige (VTOL-Gauge) als Sub-Panel dargestellt. Geflogen wird nur im 3D-Panel, optional kann man das HUD als Sub-Panel dazuschalten. Eigenartig fand ich, dass auf einigen Schaltern trotz Maushändchen keine Funktion hinterlegt ist. Im Handbuch finde ich dazu keine Erklärung, aber immerhin dazu, wie etwa die „Augenlider“ des Laserzielsuchgeräts (LRMTS) in der Bugnase geöffnet werden. Hilfreich für die Navigation ist FSX-Standard-GPS, aber im Harrier natürlich ein klarer „Stilbruch“. Die Bewaffnung kann man im Cockpit dazu- oder wegschalten. Die ADEN-Kanone wird mit der Taste „H“ aktiviert. Das Serienfeuer konnte ich jedoch nicht aktivieren. Am Boden genügt ein Schalter, um „Groundpower“ zu bestellen. Bezüglich der Flugsteuerung ist die Systemtiefe aber 100%-ig umgesetzt. Dazu gehören die erwähnte automatische Flaps-Steuerung sowie Warnanzeigen-HUD.

Fliegen mit dem Harrier

Den echten Harrier kenne ich natürlich nicht und kann mich daher nur auf Fachartikel und Filme stützen. Im Vordergrund steht natürlich das VTOL-Verhalten. Nach einigen Flügen wird mir bereits klar, dass Wilco seinen Harrier zu Recht als das modernste VTOL-Add-on im FSX bezeichnet. Es beginnt beim Abfluggewicht, das für einen VTOL-Start auf 20 000 Pfund beschränkt ist. Man kann Gas geben so viel man will, der Harrier will höchstens vor- statt aufwärts. Genauso kritisch sind die Stellung der Schubdüsen wie auch die Windrichtung. Dafür hat der Harrier die „Wetterfahne“ auf der Nase. Starts oder Landungen mit Rückenwind sollte man unbedingt vermeiden. Voll beladen kann man dank der regelbaren Schubdüsen (50-Grad-Stellung) nach wenigen Metern abheben. Alle notwendigen Manipulationen entsprechen dem Original-Flughandbuch. Wer will, kann die Schubdüsensteuerung wie im echten Flugzeug mit einem separaten Hebel einem Joystick zuordnen. Ich bevorzuge hierfür die Propellerverstellung mit Ctrl + F1 bis F4.
Den Harrier zu beherrschen verlangt vom Piloten auch etwas vom Talent eines Helikopterpiloten, denn im Schwebe- oder Langsamflug weist der Harrier ähnliche Tücken auf. Einerseits wird der Auftrieb nur durch einen abwärts gerichteten Luftstrom erzeugt, ohne den der Harrier wie ein Stein vom Himmel fällt. Das Beherrschen eines sicheren Schwebezustands ist die Grundlage. Der Auftrieb erzeugt dabei ebenso einen Bodeneffekt, von dem man aber bei ungünstigen Windverhältnissen oder einer zu großen Querlage „abrutschen“ kann. Das ist in Bodennähe natürlich fatal. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sicht nach außen für VTOL-Landungen sehr eingeschränkt ist, vor allem durch den normalen Anstellwinkel von 6 Grad. Gute Sichtreferenzen sind aber ein Muss, um die Bewegung in Bodennähe einschätzen zu können. Unter 30 Knoten werden die Steuerdüsen wirksam, denn ab da haben die Steuerflächen keine aerodynamische Wirkung mehr. Die kleinen Schubdüsen sind wirksamer, als man glaubt. Fein dosierte Steuereingaben genügen für die meisten Manöver. Denn selbst mit leeren Tanks wiegt der Harrier noch gut einige Tonnen, die eine respektable kinetische Energie entwickeln. Das Hauptfahrwerk ist nicht grundlos in der Mitte, um harte Landungen wegstecken zu können. Das Triebwerk reagiert schnell auf Leistungsänderungen, kann aber ein Durchsacken auch nicht verhindern. Im echten Vogel hilft da nur noch der Schleudersitz.

Im normalen Vorwärtsflug fliegt sich der Harrier seinem Ruf entsprechend sehr dynamisch und als Hochdecker stabil. Das Design des Harriers reduziert seine Höchstgeschwindigkeit auf Mach 0,95, was aber ausreichend ist. Im Luftkampf besitzt der Harrier eine einzigartige Trumpfkarte: Der Pilot kann innerhalb kürzester Zeit fast auf null abbremsen, wodurch ein gegnerisches Flugzeug hoffnungslos überschießt und einem direkt vor die Flinte kommt. Auch enge Kurven sind mit dem (echten) Harrier dank der Langsamflugeigenschaften wesentlich komfortabler zu fliegen als in konventionellen Kampfjets. Mit voll nach vorn gestellten Schubdüsen kann man sogar rückwärts „einparken“ … Mit dem Harrier kann man konventionell fliegen, auf dem Flugzeugträger landen oder mitten im Wald. Eine passende Freeware-Szenerie dazu ist die französische Dijon Longvic AFB.

Mein Fazit fällt eindeutig aus: Der Harrier Jump Jet von Wilco ist in jeder Hinsicht ein gelungenes Add-on und der beste Harrier, den es je gab. Qualitativ gibt es außer dem Manual so gut wie nichts zu bemängeln. Wilco hat damit einen vielversprechenden Sprung in die Nische der Military Add-ons geschafft.

PRO: Erstklassiges Außenmodell und akkurate Texturen
Realistisches Flugverhalten mit VTOL-Eigenschaften
Vollständige, reale Animationen und Sounds
Preis-Leistungs-Verhältnis

CONTRA: Kurzes, schlecht lesbares Handbuch
3D-Cockpit teilweise schlecht lesbar
Einige Schalter sind nicht belegt


One comment

  1. Oh, ich dachte grade ich hab was verpasst aber das addon gibt es ja schon seit über einem Jahr. Übrigens ein paar Sachen sind nicht ganz richtig.
    Es gibt (oder gab) noch mehr Senkrechtstarter, die russische Marine hatte etliche Jahre die Jak-38 in Dienst und die Jak-141 serienreif entwickelt (die Triebwerkstechnologie wurde an die Amis verkauft für die F-35)
    Das maximale Abfluggewicht wird im Handbuch mit 25.000 angegeben, oder ich hab mich gestern verlesen. Übrigens bringen die Harrier ebenfalls den Asphalt zum schmelzen und Betonplatten zum bewegen. Senkrechtstart- und landungen funktionieren nur auf speziellen Betonpisten.

    So im großen geb ich dir aber recht, die Macken mit der Sicht die du beschreibst hab ich auch festgestellt dafür fliegt er gut. Versuch mal die Steuerung der Düsen einer Achse zuzuordnen, eine völlig neue Erfahrung, ein echter Pilot würde die Düsen auch nicht ständig von 0 auf 90° knallen.
    Die Szenerie werde ich mir heute Abend mal anschauen, danke für den Tip. Allerdings fliegen die Franzosen keine Harrier ;-)


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